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05.12.2018 - Nachhaltigkeit Klimaschutz: «Null Erdöl, null Erdgas, null Kohle»

In Bundesbern debattiert man in diesen Tagen über das neue CO2-Gesetz für die Zeit nach 2020. Seit Jahren reduziert die Migros mit freiwilligen Massnahmen ihre CO2-Emissionen. Wie erfolgreich sie dabei ist und welche Herausforderungen die Zukunft bringt, erzählt Marcus Dredge, Leiter Energieeffizienz & Klimaschutz beim MGB.

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Die «Plusenergie-Filiale» der Migros in Zuzwil SG. «Plusenergie» deshalb, weil die Filiale mehr Energie produziert, als sie verbraucht.

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Marcus Dredge, Leiter Energieeffizienz & Klimaschutz, Migros-Genossenschafts-Bund

Marcus Dredge, der Nationalrat diskutiert momentan über ein neues CO2-Gesetz und Massnahmen zur Reduktion des Treibhausgases für das kommende Jahrzehnt. Welche Bedeutung hat diese Debatte für die Migros?
Bundesbern setzt wichtige Rahmenbedingungen für den Klimaschutz. Ich hoffe auf ein fortschrittliches und ambitiöses CO2-Gesetz mit griffigen Massnahmen, das die Klimaschutz-Bemühungen der Migros unterstützt und ergänzt und nicht kurzfristigen Partikularinteressen einzelner Wirtschaftsverbände folgt. Die Migros hat sich mehrfach für eine griffige Klimagesetzgebung eingesetzt und ist selber engagiert unterwegs.

Konkret will die Migros ihre Treibhausgas-Emissionen bis 2020 um insgesamt 20 Prozent reduzieren. Ist man auf Kurs?
Bis Ende 2017 konnten wir unsere CO2-Emissionen gegenüber 2010 bereits um über 21 Prozent reduzieren – wir sind also auf Kurs. Das ist ein Erfolg und positiv zu bewerten. Zum Vergleich: Eine Reduktion von 20 Prozent ist doppelt so viel, wie sich die Schweiz für denselben Zeitraum vorgenommen hat – und ich gehe davon aus, dass die Schweiz diese Reduktion nicht ganz erreichen wird.

Welche Massnahmen ergreift die Migros zur Reduzierung ihres CO2-Ausstosses?
Im Gebäudebereich sind dies gute, gedämmte Gebäudehüllen mit Eingangslösungen ohne grosse Energieverluste, clevere Heizungskonzepte auf Niedertemperaturniveau, damit wir die Abwärme unserer Kälteanlagen effizient nutzen können. Zur Deckung des Restwärmebedarfs setzen wir auf erneuerbare Energien wie Holz oder Umweltwärme und Wärmepumpen. Bei den Transporten streben wir eine Verlagerung der Waren auf die Schiene oder auf effizientere LKWs wie Elektro-Lastwagen, Gasantriebe mit Biogas oder zukünftig vielleicht auch auf Wasserstoff-LKWs an.

In welchen Unternehmensbereichen besteht noch CO2-Einsparpotential?
Nehmen wir das Pariser Klimaabkommen ernst, bedeutet das, dass wir bis 2050 keine CO2-Emissionen mehr haben. Das heisst null Erdöl, null Erdgas, null Kohle. Dort sind wir noch nicht und dementsprechend besteht noch überall Potential. Anders gefragt, wo wurde bereits viel eingespart? Im Gebäudeheizungsbereich oder bei den klimaschädlichen Kältemitteln ist es am einfachsten, weil heute klimaschonende Alternativen wie Abwärmenutzung oder Wärmepumpen zur Verfügung stehen. Das heisst konkret, wir möchten keine fossilen Heizöl- oder Erdgasheizungen mehr verbauen oder erneuern. Denn einmal beschafft, wollen die auch mit fossiler Energie gefüttert werden und produzieren fleissig CO2. Der Verzicht auf fossile Energie macht uns zukunftsfähig, denn er vermeidet teure Folgekosten aufgrund steigender CO2-Abgaben auf fossilen Brennstoffen oder teure Umrüstaktionen bei unseren Kälteanlagen.

Und in welchem Bereich ist es am schwierigsten CO2 zu reduzieren?
Schwieriger wird es zum Beispiel bei den Hochtemperaturprozessen in der Industrie für Temperaturen ab 80 Grad Celsius. Hier haben wir zwar mit neu installierten Holzfeuerungen bei Jowa und Elsa massive CO2-Reduktionen erreicht. Es wird jedoch «tricky», da noch auf null CO2-Ausstoss zu kommen, da die Trägheit der Holzfeuerungen nicht auf stark schwankende Verbraucher reagieren und weniger schnell reguliert werden kann. Die grösste Herausforderung sind generell nicht die ersten 20 Prozent, es sind die letzten 20 Prozent.

Sie haben es erwähnt, in gut 30 Jahren soll in der Schweiz gemäss Bundesamt für Umwelt keine CO2-Emissionen mehr emittieren. Ist ein Grossunternehmen wie die Migros überhaupt in der Lage, dieses Ziel zu erreichen? 
Ja, es ist eine reine Willensfrage. Viele klimafreundliche Lösungen sind heute bereits bekannt und werden von uns auch angewendet. Wir bauen beispielsweise Plus-Energiefilialen die mehr erneuerbare Energie produzieren, als sie verbrauchen. Ich bin auch der Meinung, dass wir diese Reduktionen alle im Inland realisieren sollten und nicht durch den Kauf von Emissionszertifikaten im Ausland. Nur so machen wir uns als Migros oder als Schweiz zukunftsfähig. Wir müssen aber bereits heute richtig, sprich klimafreundlich investieren. Eine Investition in eine neue Öl- oder Gasheizung ist unter diesem Gesichtspunkt zum Beispiel eine Fehlinvestition.

ETH-Klimaforscher Andreas Fischlin hat kürzlich im Interview mit dem Migros-Magazin deutlich gemacht, dass der CO2-Ausstoss sofort und drastisch reduziert werden muss, um nicht den Untergang unserer Zivilisation zu riskieren. Teilen Sie diese Einschätzung? 
Ich denke die Fakten seitens der Wissenschaft sind erdrückend eindeutig (siehe Interview im Migros-Magazin «Das Wohlergehen der Menschheit steht auf dem Spiel»). Ein erster Vorgeschmack der Auswirkungen des Klimawandels erleben wir immer wieder mit langen, warmen, trockenen Sommern. Ich stelle mir dann jeweils die Frage: Was für eine Welt hinterlasse ich meinen Kindern, meinen Patenkindern, der nächsten Generation. Ich fürchte den Moment, in dem mich meine Kinder fragen: Papa, warum hast du nicht mehr gegen den Klimawandel gemacht? Das treibt mich in meiner täglichen Arbeit an.

Migros-Fakten zum Klimaschutz

  • Die Treibhausgas­emissionen im genossenschaftlichen Detailhandel reduzierten sich zwischen 2010 und 2017 um 21.2 Prozent. Verantwortlich dafür sind hauptsächlich gute Gebäudehüllen, der Einsatz von CO2-Kälteanlagen mit Abwärmenutzung und clevere Gebäudetechnikkonzepte in den Filialen.
  • Insgesamt 280 Fotovoltaik­anlagen besass die Migros-Gruppe Ende 2017. Sie produzieren 26'960 Megawattstunden Strom pro Jahr, was einem Verbrauch von 8990 Durchschnittshaus­halten entspricht. 
  • Die Migros-Filiale in Zuzwil SG ist der erste Supermarkt in der Schweiz, der seinen gesamten Energiebedarf selbst deckt und sogar noch Strom ins Netz einspeist.
  • Im Detailhandel ist die Migros bezüglich Umsatz die Nummer eins im Schienengüterverkehr in der Schweiz.
  • Bis Ende 2019 wird die Migros ihr Netz an Parkplätzen mit Elektrotankstellen auf 200 erweitern. Bereits heute bietet die Migros von allen Schweizer Detailhändlern am meisten öffentlich zugängliche Ladestationen für Elektroautos an.
  • Die Genossenschaft Migros Zürich hat 2017 und 2018 je einen elek­trischen 12-Tonnen-LKW in Betrieb genommen und damit einen ersten Schritt in Richtung neuer Antriebstechnologien gemacht.