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19.02.2019 - Nachhaltigkeit «Bio darf kein Luxus sein»

Zürich - Alnatura ist eine der ältesten und bekanntesten Bio-Marken in Deutschland. Seit fünf Jahren ist Alnatura schweizweit in der Migros erhältlich. Zum Geburtstag war das Migros-Magazin zu Gast bei Gründer und Bio-Pionier Götz Rehn in Darmstadt.

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«Die Migros und Alnatura waren von Anfang an dem Gemeinwohl verpflichtet.» Götz Rehn Alnatura-Gründer

  • Bio für alle: Seit 5 Jahren bietet die Migros mit Alnatura hochwertige Bio-Produkte zu vergleichsweise tiefen Preisen an.
  • Bio liegt der Migros im Blut – seit den 1960er-Jahren bietet die Migros Bio-Produkte an und waren mit ihrem Label «M-Sano» der Zeit voraus. Was mit biologisch abbaubaren Waschmitteln begann, entwickelte sich über die Jahre zum breiten Bio-Sortiment.
  • Das Bio-Label in der heutigen Form führte die Migros 1995 ein. Migros-Bio spielt besonders in der Frische mit Produkten in den Sortimenten Früchte und Gemüse, Milchprodukte oder Fleisch eine immer grosse Rolle. Dieses Sortiment wird laufend ausgebaut.
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Götz Rehn in seiner neuen Unternehmenszentrale bei Darmstadt und 1986 im ersten Alnatura-Supermarkt in Mannheim.

Wegbereiter der Biobewegung

Der studierte Volkswirt Götz Rehn (68) ist der Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens Alnatura mit Sitz im deutschen Bundesland Hessen. Alnatura beschäftigte im vergangenen Jahr 3'150 Mitarbeiter und machte 2018 einen Umsatz von 822 Millionen Euro. 475 Alnatura-Bioartikel gehören zum nationalen Migros-Sortiment. Dazu zählen zum Beispiel Brotaufstriche, Müesli, Cerealien, Schokolade und salzige Snacks. Die Alnatura-Produkte ergänzen das breite Angebot an Lebensmitteln aus Schweizer Bioproduktion, das die Migros ihren Kundinnen und Kunden anbietet.

 

Götz Rehn, Ihre neue Firmenzentrale besteht zu einem grossen Teil aus gestampftem Lehm. Warum dieser ungewöhnliche Baustoff?
Lehm hat sich als nachhaltiges Baumaterial über Jahrtausende bewährt. Wenn es Alnatura irgendwann nicht mehr gibt, können die Lehmwände einfach zerfallen und wieder zu Boden werden. Wir können nicht Bioprodukte entwickeln, aber unseren Firmensitz in einem Büroklotz aus Beton unterbringen. Die Idee der Nachhaltigkeit muss das ganze Unternehmen durchdringen.

Woher stammt der viele Lehm, der für den Bau nötig war?
Einerseits aus den nahen Regionen Odenwald und Eifel. Wir haben aber auch einen Teil des Aushubs verwertet, der bei dem riesigen Bauprojekt «Stuttgart 21» der Deutschen Bahn anfällt. So haben wir dieser stark umstrittenen Baustelle etwas Gutes abgewonnen.

Bio ist heute ein weitverbreiteter Begriff. Was versteht Alnatura darunter?
Unsere Produkte bestehen zu 100 Prozent aus Rohstoffen von zertifizierten Biobauern, etwa von deutschen Demeter-Betrieben. Bio bedeutet für uns aber auch einfache Rezepturen, also wenige und dafür natürliche Zutaten. Manche Alnatura-Konfitüren haben zum Beispiel einen Fruchtanteil von 70 Prozent.

Trotzdem zählen Alnatura-Lebensmittel in der Schweiz zu den günstigen Bioprodukten. Wie ist das möglich?
Wir sparen nicht bei den Zutaten, dafür aber bei der Werbung. Und es geht uns auch nicht darum, möglicht viel Gewinn anzuhäufen. Alnatura erzielt nur eine bescheidene Umsatzrendite von einem Prozent. An der Börse hätte unser Unternehmen also keine Chance.

Seit fünf Jahren gehören Alnatura-Produkte zum nationalen Sortiment der Migros. Warum passen die beiden Unternehmen als Partner zusammen?
Die Migros und Alnatura waren beide von Anfang an dem Gemeinwohl verpflichtet, sie stellen den Menschen in den Mittelpunkt. Ich bewundere den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler dafür, dass er sein Unternehmen in eine Genossenschaft umwandelte und so an die Schweizer Bevölkerung verschenkte. Er hat in der Nachkriegszeit viele Produkte für ärmere Familien erschwinglich gemacht. Ich bin meinerseits der Überzeugung, dass Bio kein Luxus sein darf.

War das also Ihr Plan, als Sie Alnatura im Jahr 1984 gründeten: Wollten Sie Bioprodukte populär und günstig machen?
So einfach war das nicht. Am Anfang stand für mich lediglich der Vorsatz, etwas Sinnvolles für Mensch und Erde zu tun. Ich wollte ein Unternehmen gründen, das nicht gegen die Natur wirtschaftet, sondern mit ihr. So kam ich auf die Biolandwirtschaft, die eine Wohltat für Boden, Wasser und Luft ist und deren Erzeugnisse gut schmecken. Ich wollte Biolebensmittel in Supermärkten günstig anbieten. Doch es gab noch gar nicht genügend Bioprodukte, um die Verkaufsregale eines grossen Ladens zu füllen. So kam Alnatura notgedrungen dazu, eigene Bioprodukte zu entwickeln.

Als Sie Alnatura gründeten, war Bio noch eine Nischenerscheinung. Wurde Ihnen von Ihrem Plan abgeraten?
Ich wurde von allen Seiten gewarnt, dass daraus nichts werden könne. Doch erfolgreiche Unternehmer setzen oft alles auf eine Idee, deren Zeit erst später kommen wird. 2018 ist Alnatura gemäss einer grossen Umfrage des Instituts Forsa die beliebteste Lebensmittelmarke Deutschlands – und das bereits zum dritten Mal in Folge.

Waren Sie denn sicher, dass die Alnatura-Produkte auch bei den Migros-Kunden gut ankommen würden?
Ich war zuversichtlich, weil die Schweizer meiner Erfahrung nach Wert auf solide Qualität legen und ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein haben. Am Anfang musste unser Sortiment aber natürlich in der Schweiz getestet werden. Wir wollten herausfinden, was die Schweizer mögen. Unsere Brotaufstriche aus Gemüse waren zuerst eher ungewohnt, doch dann kamen die Migros Kunden auf den Geschmack.

Hat sich umgekehrt auch Ihr Sortiment durch die Präsenz
in der Schweiz verändert?

Ja, insgesamt 30 Alnatura-Produkte werden inzwischen in der Schweiz hergestellt. Ein Beispiel ist die Basilikum-Tomatensauce, die von der Migros-Eigenindustrie hergestellt wird – bei der Bischofszell Nahrungsmittel AG. Weitere Schweizer Alnatura-Lebensmittel sollen folgen.

Biolebensmittel sind heute in der Schweiz und in Deutschland längst keine Nischenprodukte mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft
angekommen. Kann die Nachfrage überhaupt noch weiter zunehmen?

Ihre Einschätzung teile ich leider nicht: Der Marktanteil von Bioprodukten in der Schweiz beträgt 9 Prozent, in Deutschland sogar nur 5.2 Prozent. Über Bioprodukte wird in den Medien zwar viel berichtet, weil Ernährungsthemen heute viel Aufmerksamkeit wecken. Aber die das Produkt aus Rohstoffen der regionalen Biolandwirtschaft. Wenn ein Bioprodukt importiert wird, gilt es alle Vor- und Nachteile sorgfältig abzuwägen. Der längere Transportweg spricht dagegen. Doch ein Biobetrieb in einem anderen Land kann dort der Natur nützen und womöglich zu fairen Arbeitsbedingungen beitragen.

Die Natur ist ein wichtiger Teil Ihrer Arbeit. An welchen Orten finden Sie in Ihrer Freizeit Erholung?
Zum Beispiel beim Segeln auf der Nordsee, wo ich den Silberglanz des Meeres unter der tief stehenden Sonne besonders liebe. Ich gehe aber auch gerne im Odenwald spazieren, der sich von Frankfurt bis nach Heidelberg herunterzieht. Hier ist man am Wochenende oft völlig allein. Ich staune immer wieder, dass die Deutschen den Sonntagsspaziergang im Wald nicht mögen – sehr im Unterschied zu den Schweizern und Österreichern.

 

Bilder: Tim Thiel