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22.05.2019 - Nachhaltigkeit Jäten statt Spritzen

Zürich - Die Migros beschreitet neue Wege beim Weizenanbau. Gemeinsam mit IP-Suisse-Landwirten testet sie den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel.

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Ein halbes Jahr nach der Saat, im April 2019, steht der Weizen schon wadenhoch.

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Der Klee konkurriert das Unkraut und liefert Nährstoffe.

Letzten Herbst war Premiere: Marco Stettler (30) säte den ersten Weizen, den er ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel kultiviert. Bisher verzichtete der Bauer bereits auf Fungizide und Insektizide gegen Pilz- und Insektenbefall, jetzt lässt er auch unkrautvernichtende Herbizide weg.

Marco Stettler ist einer von 20 Landwirten, die der Schweizerischen Vereinigung integriert produzierender Bauern (IP Suisse) angeschlossen sind und an einem Weizenanbauprojekt teilnehmen: In Zusammenarbeit mit der Migros, der ETH Zürich und der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwirtschaft testet die IP Suisse, wie Weizen sich ohne den Einsatz Chemie anbauen lässt.

«Mit dem Verzicht auf Pestizide in der Weizenproduktion können wir die Umweltbelastung deutlich reduzieren», sagt Christian Städeli, Leiter Getreidetechnologie und Forschung bei der Migros-Tochter Jowa. Damit trage die Migros gemeinsam mit ihren Partnern dazu bei, die Vielfalt der Arten und Lebensräume zu sichern. Ziel ist es, in den kommenden vier Jahren gut 90'000 Tonnen Weizen in der umweltfreundlicheren Weise zu produzieren. Damit könnte man auf einer Fläche von 30'000 Fussballfeldern 180 Tanklaster oder ­ 7.2 Millionen Liter Pflanzenschutzmittel einsparen, wie IP Suisse berechnet hat. «Es ist Pionierarbeit, derart grosse Flächen ohne Pflanzenschutzmittel zu bewirtschaften», sagt Fritz Rothen, Geschäftsführer von IP Suisse. Denn die Qualität müsse weiterhin top sein, der Ernteverlust aber nicht zu hoch.

Klee fürs Weizenfeld
Für Marco Stettler bedeutet die neue Anbauarbeit: jäten statt spritzen. Wenn drei Wochen nach der Saat mit den Weizenpflanzen auch Unkräuter spriessen, fährt er mit der «Jätmaschine» über den Acker. Der Striegel, wie das Gerät im Fachjargon heisst, besteht aus mehreren grossen Rechen; deren lange, spitze Zinken graben sich in die Erde und entwurzeln das Unkraut. «Es ist Fingerspitzengefühl verlangt, damit die Weizenpflänzchen unversehrt bleiben», sagt Stettler.

Mit dem Wachstum des Getreides sinken die Möglichkeiten, dem Unkraut beizukommen. «Feuchtes und warmes Wetter steigert den Unkrautdruck», sagt der Bauer. Wenn das unerwünschte Grün zu stark wuchert und er genug Zeit hat, sät er Klee ins Weizenfeld. Es konkurriert mit dem Unkraut und liefert dem Getreide Nährstoffe. Die schlimmsten Nährstoffräuber, etwa Disteln, Blacken und Klettenlabkraut, reisst Stettler von Hand aus.

Heuer geht die Rechnung auf: Den Mehraufwand, den das Jäten bereitet, erhält Stettler in Form einer Prämie von IP Suisse und Migros und durch Direktzahlungen vergütet. Für das gesamte Projekt wird entscheidend sein, wie die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der Ernten sich in den kommenden Jahren entwickeln werden. «Wir werden die Ergebnisse der aktuellen und der kommenden vier Ernten mit den Zahlen vergleichen, die die ETH vor dem Beginn des Testanbaus für uns erhoben hat», sagt Christian Städeli von Jowa.

Nachhaltige Rohstoffe für Brot
Er ist optimistisch: «Wenn das Projekt Erfolg zeigt, möchten wir die Frischbrote ausschliesslich aus dieser neuen Qualität von nachhaltigerem Weizen herstellen.» Die Umstellung auf eine weiterentwickelte und schonende Anbauart sei die ­logische Folge der bisherigen Bemühungen, in der Getreideproduktion schrittweise auf jede Form von Pestiziden zu verzichten, angefangen beim Glyphosat. «Wir müssen die Nachhaltigkeit der integrierten Landwirtschaftsproduktion weiterentwickeln.» Das sei im Hinblick auf die Versorgungssicherheit vernünftig und richtig. 

In einem nächsten Schritt wird man beim Weizentestanbau darauf verzichten, das Saatgut mit Pflanzenschutzmitteln zu behandeln. Und bis 2040 sollen ­die Rohstoffe für die Brotproduktion der Jowa zu 100 Prozent nachhaltig sein.

 

Text: Benita Vogel

Fotos: Franziska Frutiger